Ein Selbstversuch, der nachdenklich stimmt.

2026-05-21 · Autor: Beni Gafner Die Frage klingt nach Stammtisch, doch sie verfolgt mich, seit ich vor wenigen Tagen mein eigenes Gesicht in einem Video gesehen habe – ein Video, das nie aufgenommen wurde. Erst war ich eine gezeichnete Figur, kantig und freundlich, fast wie aus einer Animationsserie. Sekunden später radelte ich – fotorealistisch, mit meiner Statur, meinen Augen, meiner Art zu schauen – als Velofahrer durch eine Rennstrecke, stürzte unsanft, rappelte mich auf und fuhr trotzdem als Erster über die Ziellinie. Alles erfunden. Alles erzeugt. Alles in einer Qualität, die mich beunruhigt hat.

Vom Werkzeug zur Wirklichkeitsmaschine

Als Journalist arbeite ich mit Bildern, seit ich denken kann. Ich habe gelernt, ihnen zu misstrauen, Quellen zu prüfen, Schnitte zu erkennen, Manipulationen zu hinterfragen. Was ich in diesem Selbstversuch gesehen habe, hebt diese erlernten Reflexe aus. Es war kein plumper Fake, keine offensichtliche Montage. Es war ein Mensch – ich – in einer Situation, die so nie stattgefunden hat. Und niemand, der mich kennt, hätte beim ersten Hinsehen Verdacht geschöpft. Dein Browser unterstützt kein eingebettetes Vid3eo. Die Technik dahinter ist kein Geheimwissen mehr. Frei zugängliche Modelle erzeugen heute aus wenigen Sekunden Referenzmaterial Videos, die das Auge täuschen. Was bis vor Kurzem ganze VFX-Studios beschäftigte, läuft mittlerweile auf einem leistungsfähigen Rechner – oder direkt im Browser, gegen ein paar Franken Abogebühr.

Die Gefahren sind keine Theorie mehr

Der Vertrauensverlust ins Bild. Über Jahrzehnte galt das bewegte Bild als belastbarer Zeuge. Diese Selbstverständlichkeit erodiert. Wenn jedes Video echt sein könnte – oder eben nicht – verliert das Medium Beweiskraft. Die juristischen Folgen sind absehbar: Aufnahmen werden vor Gericht angreifbar, selbst wenn sie authentisch sind. Die Umkehr der Beweislast. Genauso problematisch ist der Effekt, den Forscher «liar’s dividend» nennen: Wer auf echtem Videomaterial bei etwas Unangenehmem ertappt wird, kann künftig behaupten, es sei ein Fake. Der Zweifel allein reicht. Was nicht widerlegt werden muss, muss auch nicht zugegeben werden. Politische Manipulation in Echtzeit. Ein gefälschtes Statement einer Bundesrätin, 48 Stunden vor einer Abstimmung, verbreitet über soziale Netzwerke – wer korrigiert das schnell genug? Die Schweiz ist mit ihren häufigen Urnengängen besonders verletzlich. Es braucht keine Hollywood-Produktion mehr, um eine Kampagne zu kippen. Es braucht einen Laptop und einen Nachmittag Zeit. Identitätsdiebstahl im Alltag. Mein Gesicht auf einem Velo, das mir nicht gehört, in einem Rennen, das es nicht gibt – das ist die harmlose Variante. Die unschöne: mein Gesicht in einem Werbespot, den ich nie gebucht habe. In einer politischen Botschaft, die nicht meine ist. In Material, über das ich hier nicht schreiben mag, das aber existiert und das vorwiegend Frauen trifft. Die Aushöhlung des Journalismus. Wenn Bildmaterial pauschal als manipulierbar gilt, verlieren auch jene Aufnahmen ihre Wirkung, die wirklich etwas dokumentieren – Kriegsverbrechen, Polizeigewalt, Korruption. Recherche wird teurer, langsamer, riskanter. Die Schere zwischen seriösen Redaktionen und der Geschwindigkeit von Desinformation öffnet sich weiter. Der private Schaden. Mobbing in Schulen funktioniert heute schon mit nachgebauten Bildern von Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Was passiert, wenn jede vierzehnjährige Person ein Werkzeug an der Hand hat, mit dem sich Mitschülerinnen in beliebige Szenen einfügen lassen? Wir müssen darüber sprechen, bevor die ersten Suizide Schlagzeilen machen.

Was mich am eigenen Versuch am meisten erschreckt hat

Es war nicht die Qualität des Materials. Es war, wie schnell ich mich an den Anblick gewöhnt habe. Nach drei, vier Durchläufen wirkte das Video schon fast wie eine echte Erinnerung. Wenn mein eigenes Gehirn so leicht überlistet werden kann, das die Sache ja besser wissen müsste – wie geht es dann den Leserinnen und Lesern, die das Material zum ersten Mal sehen, zwischen zwei Push-Nachrichten, auf dem Heimweg im Tram? Was jetzt nötig ist Ich bin kein Freund vorschneller Verbote. Die Technologie hat ihre legitimen Anwendungen, in der Filmproduktion, in der Bildung, in der Barrierefreiheit. Aber wir brauchen drei Dinge, und zwar bald: Erstens eine Kennzeichnungspflicht für synthetisch erzeugtes Material, mit Bissen – nicht als unverbindliche Empfehlung. Zweitens technische Wasserzeichen auf der Erzeugerseite, eingebaut in die Modelle selbst, idealerweise international abgestimmt. Drittens und am wichtigsten: Medienkompetenz als Pflichtstoff, vom Primarschulalter an. Wer mit dieser Technologie aufwächst, muss früh lernen, ihr zu begegnen.

Bleibt die Eingangsfrage

Sind die Fähigkeiten von KI gefährlich? Nach diesem Selbstversuch sage ich: Die Fähigkeiten an sich nicht. Gefährlich ist die Lücke zwischen dem, was die Technik kann, und dem, was unsere Institutionen, Gesetze und Reflexe darauf vorbereitet sind. Diese Lücke wächst schneller, als wir sie schliessen. Mein Avatar fährt übrigens nach wie vor durchs Ziel. Aufgestanden nach dem Sturz, lächelnd, ungerührt. Die Wirklichkeit war nie sein Anliegen. Unseres muss sie bleiben.

Fragen an unzensierte AI: https://podcasts.politiq.ch/episoden/ep-2-wer-kontrolliert-die-ki/

Buchempfehlung: https://beat-w-meier.ch/buecher/der-goldene-kaefig/